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kulturjournal

2017-11-13 15:31
von AKADEMIE
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Interview mit der Akademieleitung

"ES GIBT NICHTS, WAS NICHT IN IRGENDEINER FORM DER GESTALTUNG UNTERWORFEN WÄRE.“

15 Jahre Akademie für Gestaltung Regensburg:
Ein Gespräch mit den beiden Leitern der Institution Stefan Göler und Georg Fiederer.

Wie fing alles an? Wie kamen Sie auf die Idee, eine Akademie für Gestaltung zu gründen?

Georg Fiederer: Ich war auf Einladung eines Studienfreundes 2001/2002 als Dozent an der Werkbundwerkstatt in Nürnberg tätig. Dort wird in der Tradition des Deutschen Werkbundes ein handwerklich-gestalterisches sogenanntes Sabbatjahr für Schulabgänger angeboten. Beim Hinund- Herfahren auf der Autobahn entwickelte ich die Idee eines Vorstudien-/Orientierungsjahres im Bereich Design/Gestaltung, ähnlich den englischen „Foundation Courses“, in denen die Studienanfänger Orientierung und Grundlagen erlangen. Auf der Suche nach einem Partner stieß ich dann auf Stefan Göler. Wir kamen eines Tages bei einem „Salon“ im Orpheé ins Gespräch, einer Veranstaltungsreihe, die ich 2002/03 im damals noch unsanierten Obergeschoss des Orphée mit Musikern, Literaten und bildenden Künstlern veranstaltete. Bis dahin kannten Stefan und ich uns nur flüchtig. Nun sind wir seit 15 Jahren Partner.

Stefan Göler: Der Gedanke reizte mich. Georg und ich gehörten verschiedenen Künstlerkreisen an, die wenige Berührungspunkte hatten. Die Möglichkeit, mehr zu leisten, als herkömmliche „Mappenschulen“, die Interessierte für die Aufnahmeprüfung an Kunst- und Designhochschulen vorbereiten, faszinierte mich. Zumal Mappenschulen an den Hochschulen in der Regel keinen sehr guten Ruf genießen und meist sehr einseitig ausgelegt sind. Die Idee, ein echtes Orientierungsjahr anzubieten, ein Vorstudium, das Klarheit über die eigenen Stärken und Schwächen verschafft, so etwas gab es noch nicht. In Deutschland sind wir bislang auch die einzigen, die etwas Derartiges anbieten. Wir verschaffen den Studierenden Klarheit darüber, wo sie stehen und ob sie auf dem richtigen Weg in einen kreativen Beruf sind. Der Startschuss fiel in Beratzhausen.

Warum ausgerechnet dort und wie fing alles an?

G. F.: Überraschend und sehr schnell stellte Michael Eibl, mittlerweile Direktor der Katholischen Jugendfürsorge (KJF) in der Diözese Regensburg, den Kontakt zum Besitzer einer aufgelassenen Werkstatt in einer ehemaligen Mühle mitten in Beratzhausen her. Die Miete war günstig, die Mühle lag direkt an der Laaber, der Ort war zauberhaft und inspirierend.

S. G.: Alles hatte den Charme des Improvisierten. Es gab zwar Strom und fließend Wasser, es war aber auch ein bisschen abenteuerlich, wenn ich nur an die Toilettensituation denke. Wir stellten ein Team von Dozenten zusammen, die wir mehr oder minder aus unserem Bekanntenkreis rekrutierten, eine Homepage wurde flugs improvisiert, wir ließen ein Infoheft drucken, das wir verschickten, und im Herbst 2003 ging es schon zügig los mit den Seminaren.

G. F.: Dozenten der ersten Stunde waren unter anderem Reiner R. Schmidt, Laurie Sartin, ein englischer Maler und Illustrator, der damals in Regensburg lebte, Helmut Wolf gab Stunden in Bildhauerei – er hat übrigens noch heute sein Atelier nahe der Beratzhausener Mühle –, Fotodesigner Johannes Paffrath war mit dabei, die beiden Letzteren sind auch heute noch im Team, Sandra Münchow konnten wir für Stunden in Bühnenbild und Kostümkunde gewinnen. Innerhalb kürzester Zeit meldeten sich 20 Studierende an, ein Student reiste gar aus Südamerika an. Etwa die Hälfte der Kursteilnehmer kam aus der Region, der Rest aus dem ganzen Bundesgebiet. Dann kam irgendwann der Umzug nach Regensburg in das Künstlerhaus Andreasstadel.

S. G.: Der kam sehr rasch, schon im ersten Jahr. An Pfingsten 2004 zogen wir mit allen Gerätschaften und Möbeln in den Andreasstadel. So schön und romantisch es in Beratzhausen auch war, eine Akademie kann auf dem platten Land nur bedingt funktionieren. Nicht nur die Fahrzeiten für Dozenten und Studierende stellten zunehmend ein Problem dar. Um dauerhaft in Beratzhausen den Akademiebetrieb aufrechtzuerhalten, hätten wir gewaltig investieren müssen, schon allein, um die Bausubstanz instand zu setzen.

G. F.: Es war wunderschön, geradezu romantisch, aber so eine Akademie gehört in die Großstadt, das ist nun einmal Fakt. Ich denke gerne an die Anfangszeit zurück: Das war wie ein immerwährendes Festival mit Freilichtkino, Lesungen, Konzerten, vielen kulturellen Veranstaltungen, die sehr, sehr gut besucht waren. Wir hatten aber großes Glück, dass Oswald Zitzelsberger just zu der Zeit den Andreasstadel in Stadtamhof sanierte und die Räumlichkeiten einer kulturellen Nutzung zuführen wollte. Dem damaligen Regensburger Oberbürgermeister Hans Schaidinger war daran gelegen, die Akademie in die Stadt zu holen, er stellte den Kontakt her und so schauten wir uns die Räume an. Der Deal kam relativ rasch zustande, die Konditionen stimmten, die Lage des Bauwerks an der Donau, im Grünen und mitten in der Stadt, fast 500 Quadratmeter bezahlbare Aktionsfläche – besser kann man es gar nicht treffen. Wir fühlten uns vom ersten Tag an zu Hause im Andreasstadel. Da wir keinerlei Subventionen oder finanzielle Unterstützung der öffentlichen Hand bekommen, sind wir Oswald Zitzelsberger und seiner Kunst- und Kulturstiftung sehr verbunden. Ohne sie würde es die Akademie in Regensburg nicht geben.

S. G.: Wenn ich an den Umzug zurückdenke! Es war 2004 in der Woche nach Pfingsten, extreme Hitze und der Lift war noch nicht in Betrieb.

G. F.: Zwei Lkw voll mit Möbeln und Material! Und alles in den dritten Stock schleppen. Das war eine Herkulesarbeit. Aber unsere Studenten fanden es toll, der Unterrichtsbetrieb parallel zu den finalen Ausbaumaßnahmen war ein echtes Abenteuer. Alles hat sich dann schnell strukturiert, und zum Anfang des Vorstudienjahres 2004/05 lief der Studienbetrieb rund. Zu den Lehrinhalten: Welche Disziplinen konkret werden unterrichtet?

S. G.: Das Vorstudienjahr an der Akademie ist in erster Linie als Orientierungsjahr konzipiert. Es werden alle Bereiche der Gestaltung vorgestellt. Von den künstlerischen Disziplinen wie Illustration, Bühnen- und Szenenbild über den weiten Bereich des Kommunikations-/Grafikdesigns, des Industrie- und Produktdesigns bis hin zu eher techniklastigen Bereichen wie Innenarchitektur/ Architektur. Die Vermittlung von gestalterischen Grundfertigkeiten wie Zeichnen, Fotografie und die Beherrschung der digitalen Gestaltungsmittel sind wichtige Teile des Vorstudienjahres. Ergänzt wird der Praxisteil durch Vorlesungen in Filmgeschichte und Kunsttheorie.

G. F.: Es gibt über 160 diversifizierte Studiengänge im Bereich Gestaltung, das muss man sich einmal vorstellen. Unsere Dozenten geben den Studierenden eine Orientierungshilfe im Dickicht dieser unübersehbaren Fülle an Studienmöglichkeiten und ein realistisches Feedback zu ihren individuellen Möglichkeiten, auch zu den Anforderungen im späteren Berufsalltag. Digitalisierung, Spezialisierung und Globalisierung schaffen unzählige neue Berufsbilder und neue Studiengänge. Die Anforderungen an die Hochschulen und somit deren Erwartung an ihre Studienbewerber haben sich grundsätzlich verändert.

Was umfasst der Bereich Gestaltung? Warum keine gezielte Studienvorbereitung auf das rein Künstlerische?

G. F.: Es gibt nichts, was in irgendeiner Form nicht der „Gestaltung“ unterworfen wäre. Etwa ein Drittel des Preises für einen Neuwagen kommt allein auf das Gestalterische, das Design des Autos und die Gestaltung der entsprechenden Vermarktung. Der Markt, was das Gestalterische anbelangt, ändert sich rasend schnell. Um heute eine ansprechende Homepage zu gestalten, muss streng genommen niemand mehr eine Programmiersprache erlernen. Heute sind viel mehr gestalterische Fähigkeiten gefordert und ein geschultes ästhetisches Empfinden. Oder der rasant wachsende Markt der Computerspiele, er erzeugt völlig neue Berufsfelder. Dann die junge Technologie des 3-DDrucks, die ungeahnte Möglichkeiten im Bereich Produktdesign eröffnet. Wir wollen unsere Studierenden möglichst breit aufstellen und demonstrieren, welche Gestaltungsbereiche es gibt und in welchem sie die zukunftsfähigsten Chancen haben. Die Akademie ist eine Schule für Gestaltung und Design, keine Kunstakademie. Und zum „rein Künstlerischen“: Künstler ist man, oder man ist es nicht. Dafür gibt es keine Vorbereitung.

S. G.: Der Wirtschaftssektor der Kreativwirtschaft wächst beständig. Keine anderen Branchen sind derart dynamisch wie die gestalterischen! Die Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland ist ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und vom Volumen her durchaus vergleichbar mit der Automobilindustrie und dem Maschinenbau. Das sei hier einmal ganz dezidiert herausgestellt. Wer bewirbt sich an der Akademie für Gestaltung Regensburg? Woher kommen die Studierenden?

G. F.: Das sind zum überwiegenden Teil Abiturienten und Fachabiturienten, die im Bereich Gestaltung studieren und später auch arbeiten wollen. Es kommen aber auch junge Leute mit mittlerer Reife, die über eine Berufsfachschule in den gestalterischen Bereich gehen oder nach einer abgeschlossenen Berufsausbildung Zugang zum Hochschulstudium haben, aber auch Studienabbrecher und Umsteiger. Der Altersschnitt des Vorstudienjahres liegt so etwa bei 20 Jahren. Hin und wieder haben wir auch ältere Interessierte, die sich ein Jahr lang kreativ fortentwickeln und weiterbilden wollen. Unser Einzugsgebiet entspricht in etwa dem deutschsprachigen Raum, selten melden sich auch Studierende aus dem Ausland an. Pro Studienjahr melden sich etwa 30 Studierende an. Eine gute Zahl, die erlaubt, auf jede und jeden individuell einzugehen.

S. G.: Unser Studienjahr dauert zehn Monate, es beginnt im Oktober und endet zu den Sommerferien. Die Studiengebühr pro Monat beträgt 500 Euro, ein geringer Betrag, wenn man den Vergleich zu ähnlichen Einrichtungen in der Schweiz oder in England heranzieht, wo 30.000 bis 40.000 Euro pro Jahr die Regel sind. Leider wird die Teilnahme am Vorstudienjahr der Akademie seit 2008 von der Bayerischen Staatsregierung nicht mehr als förderungsfähig nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) anerkannt. Zeitweise hatten wir an die 50 Studierende, was mitunter den Studienalltag durchaus an seine Grenzen brachte. Welche Vernetzungen, welche Verbindungen zum Regensburger Kulturleben unterhält die Akademie? G. F.: Zunächst hat das Studium Vorrang, ganz klar. Die Ausbildung steht im Vordergrund. Die geschieht erst mal im geschützten Raum der Akademie. Im Lauf des Vorstudienjahres gibt es aber auch Projekte mit externen Partnern. Jährlich treten wir mit einer Jahresschau an die Öffentlichkeit, die bis 2016 in der Galerie konstantin b. stattfand, seit 2017 sind wir damit im Deggingerhaus. Aus der jüngsten Zeit ist die aspekte-Schau des Donau-Einkaufszentrums zu nennen, zu der die Akademie einen nicht unwesentlichen Teil beigesteuert hat.

S. G.: Die Studierenden beteiligen sich aktiv alle zwei Jahre am Popkultur-Festival mit Projekten im öffentlichen Raum und Aktionen in der Akademie. Ebenso leisten wir Beiträge zu den kulturellen Jahresthemen der Stadt. In der Praxis ergeben sich darüber hinaus immer Zusammenarbeiten mit Unternehmen und Institutionen und Initiativen, so wie mit der OTH und der AdK in Regensburg. In Planung sind öffentliche Workshops im Degginger. Die Schauspielschule Regensburg hat inzwischen den Rang einer staatlichen Ausbildungsstätte. Gibt es den Wunsch, die Akademie vom Status her in eine staatlich anerkannte Schule umzuwandeln? G. F.: Nein. Unser Konzept eines Orientierungsjahres hat sich bewährt. Es ist aktuell sinnvoller denn je. Wir haben das Vorstudienjahr in den 15 Jahren immer weiter entwickelt und geschärft. Es macht uns immer noch große Freude, mit den jungen Leuten in der familiären Atmosphäre an der Akademie ein Jahr lang zusammenzuarbeiten, ihnen auch ideelle Werte zu vermitteln, ihr Selbstbewusstsein, die Fähigkeit zur Selbstorganisation und die Kommunikationsfähigkeit zu stärken.

S. G.: Hier setzen wir an. Viele Abiturienten kommen sich im Universitätsbetrieb zunächst verloren vor. Die Hochschulen beklagen unisono mangelnde Studierfähigkeit, dass Absolventen der Gymnasien nicht entsprechend für den Uni-Alltag präpariert seien. Außerdem ist uns an der Vielfalt der Disziplinen gelegen, die eine staatliche Schule nicht bieten kann. G. F.: 2008 bis 2011 gab es als EU-Förderprojekt eine Kooperation mit dem Institut für Kunst und Design der Westböhmischen Universität in Pilsen, mit dem Ziel der Gründung eines deutsch-tschechischsprachigen Studiengangs für Kommunikationsdesign in Regensburg, die aber auf der politischen Schiene dann gründlich schieflief. Das Pilsen- Abenteuer hätte uns beinahe die Existenz gekostet. Wie ist es um die Erfolgsaussichten der Studierenden bestellt? Kriegen Sie hierüber Feedback?

S. G.: Eine sehr schöne Frage! Alle, die das Vorstudienjahr konsequent durchziehen, bekommen im Anschluss den Studienplatz, auf den sie sich beworben haben. Und wenn uns Ehemalige besuchen, bekommen wir immer wieder durchweg sehr positives Feedback. Sie erzählen von ihren Erfolgen im Studium und berichten von den ersten Schritten im Beruf. Oder sie kehren wie Katharina Claudia Dobner nach dem Studium Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule Berlin Weißensee als Dozenten an die Akademie zurück. Denn der Tenor bei allen Ehemaligen: Es ist nirgends wieder so schön gewesen wie an der Akademie Regensburg.

G. F.: ... und das bestätigt uns, dass wir die letzten 15 Jahre gute Arbeit geleistet haben.

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